Russland: Gelenkte Demokratie und ein literarischer Machthaber

Ein sehr guter Artikel – eigentlich eine Rezension – erschien vor ein paar Tagen im Tagesspiegel und ist glücklicherweise auch online verfügbar. Besprochen wird der Text „Okolonolja“ (etwa: Gegen null), der unter einem Pseudonym zunächst relativ unspektakulär im Rahmen einer russischen Zeitschrift erschien. Brisant und bekannt wurde die Sache erst, als die Vermutung entstand der Autor sei Wladislaw Surkow, der auch als dritter Mann Russlands nach Putin und Medjedew betrachtet wird. Er ist der Erfinder des Begriffes und wohl auch zum Teil der Praxis der ‚gelenkten Demokratie‘ – umso interessanter und rätselhafter ist es, dass er einen solchen Roman geschrieben haben soll. Denn darin handelt es sich nicht nur um eine ‚postmoderne Tour de Force durch Meta-Ebenen, Polit-Zitate und literarische Referenzen von Shakespeare bis Nabokov (Tagesspiegel)‘, sondern um einen höchst konflikthaften, hellsichtigen und schonungslosen Roman, der letztlich die politischen Verhältnisse und Machtgefüge des russischen Staates aus der Sicht eines der Mächtigen beschreibt, wobei der Autor kaum mit dem Status Quo oder den gängigen Praxen dieser Machtpolitik einverstanden sein dürfte, gleichzeitig aber keine Alternative sieht. So im Zitat eine Verfassungsschützerin: „Wir kennen so viele schmutzige Geheimnisse – wenn wir die aktivieren würden, flöge der gesamte Staatsapparat dieses und nicht nur dieses Landes in die Luft … So traurig es klingen mag: Korruption und organisiertes Verbrechen sind gleichermaßen tragende Konstruktionen der sozialen Ordnung wie die Schule, die Polizei und die Moral. Beseitige sie, und das Chaos beginnt.“ Eine zynische Sicht der Dinge, die jedoch die Verhältnisse in Russland treffend beschreiben dürfte. Doch auch der Held der Geschichte kennt keine befriedigende Antwort darauf in dieser modernen Tragödie.

In diesem News-Blog zu Osteuropa gibt es eine kritische Beurteilung von Surkow mit Biographie und eine weitere interessante Besprechung des Geschichte aus der Feder eines Russland-Professors und freien Mitarbeiters der Neuen Züricher Zeitung. Der Roman wird hier allerdings als inszenierter Coup und als ‚Einsatz von Literatur als Polittechnologie‘ bezeichnet, mit der der Autor seiner Vision einer ‚Futurisierung‘ und intellektuellen Modernisierung Russlands näher kommen möchte. Er könnte so als Entwurf eines Neubeginns und einer Abkehr von alten Modalitäten gelesen werden, die sich in der Zukunft ebenso als Hirngespinste der Vergangenheit erledigt haben könnten wie die irrealen Figuren des Romans.

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