„Ich hoffe auf die Dimension Unendlich“

Der bekannte Tübinger Theologe und Kirchenkritiker Hans Küng beschäftigte sich in seinem Leben und Werk auch immer wieder intensiv mit dem Islam und seinem Verhältnis zu Gesellschaft und Politik. Im Interview mit gezeitenwende.org spricht er nun über die Möglichkeiten der Länder des Arabischen Frühlings, die Reformen von Papst Franziskus, die Notwendigkeit eines Weltethos für die Wirtschaft – und seine Hoffnung auf ewiges Leben.

Herr Küng, welche neuen Herausforderungen und Entwicklungen ergeben sich für den Islam im Zuge des Arabischen Frühlings?

Die Frage ist, wie sich die islamische Welt für Entwicklung und Modernisierung öffnen kann, ohne gänzlich verwestlicht zu werden, wie sie also es schaffen kann die Substanz des Islam mit den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu verbinden. Ich hoffe, dass sich dabei weder die Modernisten und Säkularisten, noch die Traditionalisten und Fundamentalisten voll durchsetzen, sondern dass diejenigen mehr Gewicht bekommen,die versuchen den Islam zu bewahren, aber ihn gleichzeitig in die Gegenwart zu übersetzen versuchen.

Man darf in dieser Diskussion allerdings nicht vergessen, dass die katholische Kirche erst im Vatikanum II in den 60er Jahren unter Johannes XXIII. Menschenrechte und insbesondere Religionsfreiheit akzeptiert hat. Vom Islam wird jetzt erwartet, dass das alles sofort geschieht.

Ergibt sich jetzt ein neues Paradigma für die islamische Welt, in dem Demokratie und Islam zusammen gehen?

Autoritäre Herrscher wie Ben Ali, Mubarak und Gaddafi mussten für ihre undemokratische und oft brutale Herrschaft teuer bezahlen. Aber auch ihre Nachfolger können das Vertrauen des Volkes schnell wieder verlieren, wie die Absetzung von Mohammed Mursi zeigt. Der Westen hat lange behauptet, Islam und Demokratie würden sich gegenseitig ausschließen, aber es gibt eben auch positive Entwicklungen…

…wie in Tunesien, wo sich jetzt Säkularisten und Islamisten auf eine Verfassung einigen konnten.

Die islamische Welt verfolgt aber auch schon seit langem die Entwicklung in der Türkei, die unter der Regierung Erdoğan das epochale Experiment durchmacht, inwieweit sich säkularer Staat und Islam verbinden lassen. Allerdings wird trotz der wirtschaftlichen Errungenschaften Erdoğans jetzt sein Demokratiedefizit offenbar.

HANS KÜNG
ist emeritierter Professor für Ökumenische Theologie und war bis vor einem Jahr Präsident der von ihm mitgegründeten Stiftung Weltethos, die sich für den Dialog zwischen den Religionen einsetzt. Er ist einer der bekanntesten Kirchenkritiker und Theologen. Zuletzt erschien der dritte Band seiner Memoiren Erlebte Menschlichkeit (Piper-Verlag).

Welche Möglichkeiten sehen Sie für islamischen Länder auf diesem Weg?

In den letzten Jahren hat sich ein gemäßigter Islam als bürgerliche Alternative zu klerikalen Islamisten gebildet. Die Denker dieses modernen politischen Islam, der zwischen den konservativen und den säkularen Intellektuellen angesiedelt ist, sind leider im Westen kaum bekannt. Damit es in der islamischen Welt zu Aufschwung und Erneuerung kommt, muss es gelingen zwischen ideologischem Islamismus und genauso ideologischem Säkularismus einen Weg der Mitte zu finden, der sich um pragmatische Lösungen und Verständigung bemüht.

Mit einer Übersetzung der ursprünglichen islamischen Botschaft ins Heute könnten innovative Muslime eine demokratische Gesellschaft und kreative Kultur mit ideenreicher Wissenschaft und leistungsfähiger Wirtschaft ermöglichen.

Auch in der katholischen Kirche scheint mit Papst Franziskus ein neuer Frühling angebrochen zu sein. Wie bewerten Sie seine bisherige Arbeit?

Das Petrusamt ist nicht da, um über die Kirche absolutistisch zu herrschen, sondern um der Kirche und ihrer Einheit zu dienen. Franziskus präsentiert sich vom ersten Moment an als bescheidener Bischof von Rom, der eine angenehme Schlichtheit und Menschlichkeit ausstrahlt. Er pflegt einen bescheidenen Stil ohne Prunk, spricht die Sprache des Volkes und betont seine Mitmenschlichkeit.

Der heilige Franz von Assisi, dessen Namen der neue Papst angenommen hat, stellte ja eine Alternative zum römischen Machtsystem dar.

Verschreibt er die richtige Medizin für die nach ihren Worten schwerkranke Kirche?

Kein vernünftiger Mensch wird erwarten, dass ein Mann über Nacht alle überfälligen Reformen realisiert. Zweifellos wird der Papst mit einem Reformkurs mächtige Gegenkräfte vor allem in der römischen Kurie wecken, denen es standzuhalten gilt. Dafür würde er aber die breite Zustimmung des Volkes weit über die katholische Kirche hinaus finden.

Schon jetzt deutet sich eine neue Form von kollegialer Kirchenleitung an. Bereits einige Wochen nach seiner Amtseinführung berief er acht Kardinäle aus allen Kontinenten als engsten Beraterkreis für die Reform von Kirche und Kurie ein, und setzte eine unabhängige Untersuchungskommission für die Vatikanbank ein. Viele Entscheidungen trifft er am kurialen Apparat vorbei und lässt somit seinen Worten offenbar Taten folgen.

Um wirkliche Reformen durchzusetzen wird er aber viel Mut und Ausdauer benötigen. Die Frage ist, ob er sich am Ende durchsetzen kann.

Wie sehen sie seine geistige Neuausrichtung, die ja im krassen Gegensatz zu seinen beiden Vorgängern steht?

Programmatisch kritisiert er mit seinem apostolischen Schreiben „Evangelii Gaudium“ den unmenschlichen Kapitalismus, spricht sich für eine Kirchenreform auf allen Ebenen mit Aufwertung der Laien und der Frauen in der Kirche aus und engagiert sich für die Ökumene und den Dialog zwischen den Religionen, er lässt sogar basisdemokratisch fragen, was das Kirchenvolk denkt. Doch in seiner undifferenzierten Ablehnung der Abtreibung und der Frauenordination zeigen sich vielleicht auch dogmatische Grenzen von Franziskus. Aber er möchte auch hören und verstehen, statt immer nur mit dem moralischen Zeigefinger auf alles zu zeigen. In diesem Kurs möchte ich ihn unterstützen.

Ist es eine Ironie der Geschichte, dass ihr langjähriger ‚Wegbegleiter‘ Joseph Ratzinger und Sie fast gleichzeitig von Ihren Ämtern zurücktraten?

Ich ging tatsächlich davon aus, dass mein Traum von einem Umschwung in der Kirche wie unter Johannes XXIII. nicht mehr in Erfüllung gehen würde, solange ich lebe. Doch dann änderte sich mit dem Papstrücktritt alles und es hieß: „Küng geht – aber der Papst noch vor ihm!“ Und am 19. März 2013, meinem 85. Geburtstag, trat dann Papst Franziskus sein Amt an!

Sie waren besonders im Projekt Weltethos immer stark für den Interreligiösen Dialog engagiert. Was sind die wichtigsten Erkenntnisse ihrer Forschung zu dem Thema?

Mir wurde schon früh klar, dass der Dialog zwischen den Religionen nicht nur ein akademisches oder religiöses, sondern auch ein hochpolitisches Unterfangen ist. Auch verstand ich, dass die Religionen sich in Fragen des praktischen Verhaltens und des Ethos sehr viel näher stehen, als in Fragen des Glaubens oder des Dogmas.

So konnte ich die Sätze formulieren, die inzwischen weltweite Anerkennung gefunden haben: Kein Weltfriede ohne Religionsfriede, kein Religionsfriede ohne Religionsdialog. Und kein Religionsdialog ohne Grundlagenforschung. Und schließlich der Zusatz: Kein ernsthafter Religionsdialog ohne gemeinsame ethische Werte, Maßstäbe und Haltungen.

Im Jahre 1993 wurde eine »Erklärung zum Weltethos« vom Parlament der Weltreligionen in Chicago verabschiedet. Wesentlich dabei ist das Humanitätsprinzip, dass der Mensch sich human und menschlich verhalten soll, verdeutlicht und zugespitzt durch das Grundprinzip der Reziprozität, der Gegenseitigkeit: »Tue nicht anderen, was du nicht willst, dass sie dir tun.« Als allgemeine Richtlinie gilt diese Goldene Regel besonders auch für politische Parteien und Interessengruppen, und auch im Verhältnis zwischen den Nationen.

Zuletzt haben Sie sich intensiv mit Fragen des Wirtschaftsethos beschäftigt. Warum gerade dieses Thema?

Der Bereich der Wirtschaft wurde für die Stiftung Weltethos in den letzten Jahrzehnten immer wichtiger. Die jüngste Finanzkrise entstand zu einem großen Teil durch ein Versagen der Moral. Daher drängt sich die Berücksichtigung der ethischen Dimension in Wirtschaft und Wirtschaftswissenschaft gewissermaßen auf. Um das verlorene Vertrauen in die Finanzwelt zurückzugewinnen sind politische und rechtliche Maßnahmen nötig, aber es braucht ebenso eine ethische Kultur. Ohne ein Weltethos in der Wirtschaft gibt es keinen nachhaltigen Weg aus der Krise.

Dank des Engagements der Karl Schlecht Stiftung kam es 2011 zur Gründung eines Weltethos-Instituts an der Universität Tübingen, das sich auch den Fragen des Globalen Wirtschaftsethos widmet.

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Sie haben gesagt, dass sie sich im Himmel einen Zustand ewigen Friedens und ewiger Glückseligkeit erhoffen. Würde ihnen das nach ihrem bewegten Leben nicht auf Dauer langweilig werden?

Ein langweiliger Zustand wäre für mich nicht der Himmel, sondern die Hölle. Himmel ist Symbol für ewigen Frieden und Glückseligkeit, also ewiges Leben! Leben meint Bewegtheit, Dynamik im geistigen Sinn, so verschieden von diesem irdischen Leben wie der frei fliegende bunte Schmetterling von der am Boden kriechenden Raupe.

Ich setze also meine Hoffnung auf eine ganz andere Dimension als die drei- oder vierdimensionale irdische Wirklichkeit – ich hoffe auf die Dimension Unendlich. Ob es sie gibt? In der Mathematik gewiss, aber in der Realität? Dafür habe ich keine mathematisch-naturwissenschaftlichen Beweise, wohl aber gute Gründe. Meine Hoffnung auf ein ewiges Leben gründet in einem, für mich durchaus vernünftigen, Vertrauen: dass ich, wie ich nicht aus dem Nichts komme, so auch nicht in ein Nichts eingehe. Dass ich vielmehr eingehe in die allerletzte, allererste, wirklichste Wirklichkeit.

 

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