Krise und Politik in Digital

Medienberichterstattung und politische Kommunikation schwingen sich zu immer neuen – digitalen – Höhen auf, das Ergebnis ist ein Meer von Informationen, Bildern und Kanälen, das jedem zugänglich ist und das im Minutentakt aktualisiert wird. Zusätzlich zu einer Fülle von Argumenten zur Meinungsbildung ergeben sich Beteiligungsmöglichkeiten des Web 2.0, die vielleicht bald in ihrer Relevanz alte Politikverfahren ergänzen oder gar ablösen könnten.

Beispielhaft zeigt das die aktuelle Abbildung der Griechenland-Krise ist den virtuellen Medien. So haben inzwischen alle großen Zeitungen auf ihren digitalen Angeboten Live-Blogs, auf denen man die Entwicklungen zur Griechenland-Krise fast in Echtzeit verfolgen kann. Man wird ständig mit Links, Videos, Karten, Kommentaren und Tweets (auf Englisch oder auch gleich auf Griechisch) der beteiligten Akteure versorgt, die umfassend informieren – sogar Griechenlands Antrag auf ein neues Reformprogramm oder die Bitte des ESM um eine Einschätzung seitens des IWF lassen sich im Original lesen, kurz nachdem sie eingereicht wurden.

Das Crowdfunding-Projekt Greek Bailout Fund des Briten Thom Feeney schaffte es innerhalb von 8 Tagen 1.930.577 Euro von 108.654 Personen zu sammeln, womit allerdings sein erklärtes Ziel Griechenlands versäumte Zahlung beim IWF in Höhe von 1,6 Milliarden Euro zu finanzieren verfehlt wurde (415.563 Facebook-Shares, 75.700 Tweets, 2.985 Google+ Shares, 2.210 Kommentare). Eine Online-Petition, die das Ende der Sparpolitik fordert und die Nein-Stimme der Griechen unterstützt fand 524,452 Unterstützer (68.000 Facebook Shares, 2.738 Email-Shares, 9149 Tweets).

Auch die beteiligten Politiker sind fleißig in den sozialen Netzwerken unterwegs: Italiens Matteo Renzi postet seinen Wunsch nach mehr Wachstum für Europa und bekommt 6.141 Kommentare, der britische Guardian schreibt in einem Artikel wie Tsipras und Varoufakis die Griechische Tragödie in einen Twitter-Erfolg verwandelt haben, und die EU-Kommission gibt über Twitter bekannt, dass sie den letzten Reformvorschlag Griechenlands erhalten hat.

In unglaublich schneller Abfolge lassen sich in allen Medien Kommentare, Interviews mit Größen aus Politik und Wirtschaft sowie Analysen finden, die zusammen mit den zusätzlich aufbereiteten Hintergrund-Fenstern eine Informiertheit und differenzierte Meinungsbildung erlauben, wie das kaum jemals zuvor möglich war.

Natürlich bleibt dabei nicht immer alles dem Zufall überlassen. Während viele Inhalte aus sich heraus eine virale Verbreitung erfahren, engagieren Politiker und zivile Akteure, aber auch Staaten oder Dissidenten oftmals professionelle PR-Leute, um sich in der komplexen Medienwelt von heute die nötige Aufmerksamkeit zu verschaffen. Agenturen wie Hanne + Maack Kommunikation oder Lucid sind spezialisiert auf die Platzierung von Themen in allen Medienkanälen und wissen um den Wert eines Interviews, Tweets oder einer richtig getimten Veröffentlichung. Für den Schutz von politisch Verfolgten oder für Themen, die sonst kaum auf der politischen Agenda landen würden, sind organisierte Kampagnen ein probates Mittel, um Handlungsdruck zu erzeugen – man denke auch an die erfolgreichen und medienwirksamen Greenpeace-Aktionen.

Im Umgang mit den Medien zeigt sich dabei vor allem wieder das eine: kritische Meinungsbildung und Urteilskraft ist wichtiger denn je. Jede einfache Wahrheit sollte verdächtig sein – sie ist in Wirklichkeit ein komplexes Gebilde mit vielen verschiedenen Perspektiven, Akteuren und Interessen. Diese unterschiedlichen Sichtweisen sind heute leichter zu erreichen, als jemals zuvor – meist reicht ein Mausklick oder eine Suche, um hochwertige und professionell aufgearbeitete Informationen, Kommentare oder Analysen zu finden. Für die Abbildung der immer komplexer werdenden Welt eignen sich die digitalen Medien besser als alle ihre Vorgänger, die dadurch jedoch keineswegs obsolet werden.

Ob das Mehr an Information auch eine neue Qualität im politischen Handeln und neue politische Beteiligungsmöglichkeiten erzeugt, bleibt abzuwarten. Wir stehen wohl erst am Anfang dieser Revolution der Durchdringung des Politischen durch neue Kommunikationsmöglichkeiten. Mehr Transparenz ist vielleicht die größte Errungenschaft bisher – Edward Snowden lässt grüßen. Die Politik tut sich da schwerer, aber auch ihre Institutionen und Vertreter können sich immer weniger hinter einfachen Wahrheiten verstecken, wenn der Versuch auch für eine gewisse Zeit funktionieren mag.

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