Ein Abend mit Yoani Sanchez in Berlin

Zunächst Befremden: vor dem Instituto Cervantes, wo die Veranstaltung stattfindet, eine Demonstration gegen Yoani Sanchez, die inzwischen weltbekannte Bloggerin aus Kuba, die hier heute Abend sprechen soll.

Die Demonstranten der Freundschaftsgesellschaft BRD-Kuba behaupten sie sei von der CIA bezahlt, habe Hunderttausende Dollars auf ihrem Konto und treffe sich mit rechtsradikalen Lateinamerikanischen Politikern, sie verfälsche das Bild von Kuba, man solle ihr kein Wort glauben. Sofort steht man also im ideologischen Kraftfeld, das die Politik von und mit Kuba bestimmt: Die guten Kommunisten gegen die bösen USA, oder andersherum die freiheitlich kapitalistische Werteordnung gegen die bösen Kommunisten.

Die Veranstaltung selbst ist wenig anrüchig, schließlich kann man bei den Einladenden von TAZ und Reporter ohne Grenzen davon ausgehen, dass sie reflektiert und unabhängig sind. Die Bloggerin, interviewt vom TAZ-Reporter Bernd Pickert, lässt ihre Worte fließen und beantwortet alle Fragen, später auch die des Publikums. Sie zeichnet das Bild einer Diktatur in Kuba, die die Pressefreiheit massiv einschränkt, mittels mehr oder weniger subtiler Repression. Sie selbst versuchte 5 Jahre lang vergeblich aus Kuba auszureisen, um ihren Einladungen nachzukommen, die sich immer weiter häuften, da sie immer größere Bekanntheit erlangte.

Dank des neuen Reisegesetzes konnte sie nun eine lange Auslandsreise machen, die sie auf den lateinamerikanischen Kontinent, in die USA und nach Europa führte. Angesprochen auf das Gesetz gesteht sie zu, das es zwar mehr Reisefreiheit gewährt, aber immer noch viele Reglementierungen enthält und nicht für alle Kubaner gilt.

Ebenso wie bei der Reisefreiheit wurde auch in puncto Informationsfreiheit in den letzten Jahren einiges erreicht, doch beklagt Sanchez, dass das Regime immer nur hinter der Realität her hinke, und Posten aufgebe, die sowieso schon verloren seien. Dabei verteidige es die eigenen Ideen wie im Schützengraben, statt sich einer ernsthaften Diskussion zu stellen. Im Zeitalter von Social Media und Twitter lasse sich die staatliche Zensur eben nicht mehr durchsetzen, also werde sie aufgeweicht, da das Informationsmonopol sowieso durchbrochen sei.

Derweil seien sogenannte actos de repudio, kleine Demonstrationen gegen Gegner des Regimes, Alltag. Ob das, was wir vor der Tür des Instituto sehen konnten auch in diese Kategorie fällt, bleibt dahingestellt, aber die Anschuldigungen der Demonstranten waren ziemlich massiv. Trotzdem geht Sanchez ausführlich auf Fragen zur Finanzierung ihrer Reise und den Treffen mit Exilkubanern ein. In Bezug auf Treffen mit Vertretern des rechten Lagers besteht sie darauf, dass Etiketten, Definitionen und Grenzen in unserer Zeit in sich zusammen fallen und sie sich als Brückenperson versteht, die sich nicht auf einen kleinen Aspekt ihrer selbst reduzieren lassen möchte.

Echte politische Demonstrationen sind in Kuba natürlich verboten, ebenso wie echte oppositionelle Parteien und unabhängige Medien. Nach Meinung der Bloggerin wird die Biologie, bzw. das Alter der Herrschenden, das Problem Kubas am Ende lösen. Ihrer Meinung nach ist die kubanische Revolution, die auch von manchen Fragestellern heraufbeschworen wird, ein Mythos: eine Revolution finde schnell statt und dauere nicht 54 Jahre.

Statt dessen sieht sie das System Kubas als Diktatur eines Familienclans. Über die Vergangenheit zu sprechen sei ein Mittel sich der Gegenwart nicht stellen zu müssen. Eine wirkliche Revolution ist ihrer Meinung nach nicht vergleichbar mit dem Käfig, als den sie Kuba empfindet. Sie wünscht sich statt dessen beispielsweise ein Gesundheitssystem, dass dem Volk gehört, wobei das Volk nicht das Synonym für Fidel Castro sein solle, sondern das wirkliche Volk; sie nennt sich selbst antihegemonisch und wünscht sich eine gewählte Regierung.

Die Lage in Venezuela beurteilt sie ebenso kritisch, da ideologischer Hass ihrer Meinung nach nicht gut ist. Momentan sei in Kuba die Sorge groß, dass die Subventionen aus Venezuela irgendwann versiegen könnten und es zu einer ähnlichen Krise kommen könnte wie nach dem Ausbleiben der sowjetischen Subventionen nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. Doch auch das könne am Ende zum Wandel in Kuba beitragen, wenn nämlich auf diese Weise ein kritischer Punkt für das bestehende System erreicht werde.

Am Ende betont auch der TAZ-Reporter angesichts wiederholter Kritik von links noch einmal, dass der Abend vor allem im Zeichen der Meinungsfreiheit stand, und dass es genau darum gehe: verschiedene Meinungen und Schattierungen zuzulassen, auch wenn man nicht immer mit allem einverstanden sein mag. Yoani Sanchez sprühte jedenfalls vor Information und Redebereitschaft und präsentierte sich als Vertreterin einer Generation, die nicht mehr in alten ideologischen Gräben denkt oder sich für eine Seite vereinnahmen lassen möchte. Sie steht vor allem zu ihrem eigenen Wort und ihrer äußerst differenzierten Sicht der Dinge, und das machte sie ebenso inspirierend wie glaubwürdig. Das Spannungsfeld, in dem sie sich bewegt, ist kein leichtes.

Andererseits bleibt die Bloggerin wohl auch weiterhin die Erklärung schuldig, warum sie sich in Brasilien mit Vertretern der extremen Rechten traf, wobei sie stark betonte, dass sie jede Art von Gewalt ablehne. Inwieweit sie sich instrumentalisieren lässt, provoziert oder ihre Meinung kaschiert ist schwer zu beurteilen, vor allem auch angesichts der massiven Vorwürfe, die Vertreter Kubas und der Linken ihr oftmals propagandistisch machen. Immerhin sorgt sie für eine Menge Diskussionsstoff um Dinge und Fragen, die sonst selten so ausführlich in den deutschen Medien reflektiert werden.

Trotz aller Sympathien wird sich Kuba dem Wandel wohl kaum verschließen können. Die Frage ist also nicht ob, sondern wie der Wandel vonstatten gehen wird. Angesichts der Schocktherapien die viele Ostblock-Länder nach 1989 hinnehmen mussten, und der großen Nähe zu den übermächtigen USA kann man sich nur wünschen, dass der Übergang für Kuba gemäßigter verlaufen wird, und die heimische Wirtschaft nicht einfach überrollt und ausverkauft wird.

Ob Mikrokredite dabei helfen können, wie die Bloggerin es sich vorstellt, oder ob ausländische Investitionen weiterhin nur schrittweise zugelassen werden, wird die Zukunft zeigen. Freiheit bleibt jedenfalls ein Gut, das auf Dauer mehr wiegt als ideologische Nostalgie, selbst wenn letztere mit realen Alternativen und Hoffnungen verbunden ist.

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