Türkische Medien entziehen sich Erdoğan immer mehr

Während seiner zehnjährigen Regierungszeit verstärkte Premierminister Recep Tayyip Erdoğan immer weiter seine Kontrolle über die türkischen Medien. In keinem anderen Land der Welt wurden im letzten Jahr so viele Journalisten verhaftet wie die Türkei, und keiner ließ so viele Einträge aus der Google-Suche entfernen ließ wie das Land am Bosporus. Die Lage verschärfte sich weiter nach Erdoğans dritter Wiederwahl vor zwei Jahren.

Trotz diesen massiven Beschränkungen durch die türkische Regierung gibt immer mehr Leaks, die besonders im jüngsten Korruptionsskandal Dokumente veröffentlichen, die die AKP und Erdoğan in Bedrängnis bringen. Dass so viele brisante Details aus Ermittlungsakten in die Medien gelangen, werten Beobachter als Zeichen für die langsame Erosion von Erdoğans Kontrolle und Macht in der türkischen Gesellschaft. Obwohl die großen Medien oftmals weiterhin die AKP-Regierung stützen, scheint der türkische Premierminister nicht mehr wie bisher die Themen kontrollieren zu können, und bisweilen scheint ihm die Kontrolle über die Berichterstattung zu entgleiten.

Das dürfte nicht zuletzt daran liegen, dass es inzwischen eine große Zahl von Journalisten in der Türkei gibt, die wegen zu starker Kritik an der Regierung von ihren Zeitungen gefeuert wurden. Das bedeutet jedoch nicht unbedingt, dass sie in der Folge auch ruhiger werden, schließlich haben Journalisten heute dank dem Internet weiterhin viele Einflussmöglichkeiten, die sich der Regierungskontrolle aber weitgehend entziehen. So hat beispielsweise die Journalistin Nazli Ilicak, die kürzlich wegen ihrer regierungskritischen Berichterstattung ihre Arbeit bei einer regierungsfreundlichen Zeitung verlor, inzwischen mehr als 500.000 Follower auf Twitter – mehr als die Auflagenstärke der Zeitung, die sie entließ.

Zudem hat auch der religiöse Prediger Fethullah Gülen – einst Verbündeter Erdoğans im Kampf gegen das übermächtige Militär im türkischen Machtgefüge, nun aber einer seiner größten Kritiker – sehr viel Einfluss in den türkischen Medien, wo viele seiner Anhänger tätig sind. Ähnlich wie Gülens Zeitungen zuvor gemeinsam mit Erdoğan das Militär aggressiv angingen, berichten sie nun intensiv über den Korruptionsskandal, der den türkischen Premier und die regierende AKP in Bedrängnis bringt.

Unterdessen versucht die türkische Regierung ihren Einfluss auf die türkischen Medien durch Entlassungen, Einschüchterung und Verhaftungen weiter auszuweiten. Die Proteste gegen Erdoğan und die Korruption in Regierungskreisen gehen jedoch weiter, am Wochenende demonstrierten 20.000 Menschen in Ankara gegen die türkischen Machthaber. Auch der jüngste Gesetzentwurf der AKP, der der Regierung stärkeren Einfluss auf die Ernennung von Richtern und Staatsanwälten geben soll, stößt auf heftigen Widerstand.

Angesichts seines schwindenden Einflusses in der Medienberichterstattung und der kaum zu kontrollierenden Internetmedien dürfte es für Erdoğan zunehmend schwieriger werden dem Land seine Linie von oben aufzuzwingen.

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